Wie auch immer

Je irrer in ihrem Wahn
die Kriege dieser Welt,
je tiefer sinken die Augen
dunkler Nacht ins Schwarz.

Den Ölbaum aber,
der uns immer diente,
pfleg ich nicht nur
aus blossem Eigennutz,
denn er wird
die Arche retten
und mit seinem Olivenöl
die Welt wieder heilen.

Die Blätter des Ölbaums,
die der Wind nicht wegbläst,
sind Sommer und Winter
sein stolzes Gewand.

Der ewige Baum

Der Olivenbaum
der seine Blätter nicht fallen lässt
dem der Wind sie nicht entreissen kann
der Sommer und Winter
sittsam sein Kleid trägt
den trotz seines ewigen Daseins
keine Macht der Welt
zu ihrem Banner erhebt.
Ich schwöre beim Leben:
Der Olivenbaum und die Urzeit
sind zusammen geboren
und in Urzeiten schufen
die Könige aus aller Welt
aus seinem Öl
Medizin für die Wunden.

Gesegnete Bäume

Immer wenn die Zeit
uns in schwere Zeiten fallen lässt
erstarkt unsere Liebe
zur fruchtbaren Erde.
Der Olivenbaum
den unsere Alten und die Jungen pflegen
dessen Früchte sie mit Sorgfalt pflücken
wären seine Zweige kein Symbol
für den Frieden
hätte Gott sie nicht vor langer Zeit
gesegnet.

Was ich brauche

Das Öl der Oliven
füllt die Tonkrüge des Hauses.
Olivenöl, Vorrat für das ganze Jahr.
Oh du Scheich der Tafel des Hauses,
du Olivenöl.
Mit dir bin ich an jedem Tisch,
wo immer ich sei von Sorgen befreit.
Weder Gabel noch Teller brauche ich.
Ich fordere nichts und störe niemand.
Gebt mir keinen Reis und kein Huhn
um mich zufrieden zu stellen,
gebt mir nur Brot und Früchte
des Ölbaums,
sonst nichts.

Olivenbaum, deine Güte

Olivenbaum
dir, dessen Blätter im Januar
die Vögel beschützen,
dir dankt die Welt
für deine Güte.
Dir danken die Moschee
und Kloster bewohnen.
Ich singe für dich
wo immer ich bin:
Du bist erhaben,
Du bist Güte.
Ein Lüftlein aus deinen Zweigen
trägt das Leben der Welt.

Olivenbaum
der dich beschützt
und an dich glaubt
wird reichlich beschenkt.
Viele Zweifel hast du verscheucht,
die dir treu sind, werden selig.
Alle Welt kennt
die Beweise deiner Güte.
Meine Vorfahren
wurden von alters her
durch deine Oliven grossgezogen.
So will auch ich
wachsen durch dich.
Oh Scheich der Tafel,
oh ihr Olivenfrüchte.

Lieder aus dem Wettbewerb der Zajaltruppe «Zaghlul ed-damur» im Dokumentarfilm «Levante» von Beni Müller, Zürich

Kreuztragung

Eine Palästinenserin
mittleren Alters
nicht kenntlich an ihrem Gesicht
das ihr schwarzer Schleier verhüllt

aber kenntlich von weitem
an dem entwurzelten Baum 
auf ihrer Schulter
geht langsam die Strasse entlang

Sie trägt ihren Baum
den ihr die Israelis
entwurzelt haben
als sie selber entwurzelt wurde

aus ihrem zerstörten Dorf
irgendwohin
wo sie hofft ihn pflanzen zu können
bevor er stirbt

Erich Fried, aus «Höre Israel»

Schaut hin

Sie tragen
Gewehr und Olivenzweig,
das geschundene Volk
begräbt seine Toten.

Der Zorn läuft über
und die Ölkrüge sind leer.
Wenn wir das Blatt nicht wenden
bleibt nur die Gewalt.

«Du sollst

dem Frieden nachjagen»,
lehren seit Jahrtausenden
die Sprüche der Väter.
Nicht mit Bomben
und Raketen –
auch nicht
mit dem Schmetterlingsnetz
um ihn zu fangen und
aufzuspiessen und
zur Schau zu stellen
sondern
mit den wachen Sinnen
einer Liebenden
damit er
im Kriegsgetümmel
nicht untergehe.

Generationenwechsel

«Land für Frieden»,
sagten die Eroberer
sich selbst
den Eroberten
der staunenden Welt
am Abend der Besetzung.
«Israel ist stark.»

«Frieden für Land»,
sagen die Kinder der Eroberten
sich selbst
den Eroberern
der staunenden Welt
am Morgen der Intifada.
«Palästina will leben.»

Anna Klein, aus «Dem Leben zugewandt»

Friede

Wir Juden
grüssen einander
mit Shalom
ganz selbstverständlich

Ein schöner Gruss –
Friede
heisst dies Wort

Friede, Shalom
ist aktiver Prozess
des Widerstandes
unter Wahrung
und Findung
eigener Identität

Friede erfordert
Kompromiss
echten –
Verzicht
Teilverzicht
in Anerkennung
von Tatsachen

Der Staat Israel
ist eine solche
Da ist Trauer darüber
dass es in absehbarer Zeit
keinen bilateralen Staat
von unten her gibt

Kompromiss
heisst jedoch auch:
Die Palästinenser
haben unveräusserliches Recht
auf ihren eigenen Staat
aufgrund
der eigenen Geschichte
und des Selbstbestimmungsrechtes
der Völker

Utopia – light years away
ist ein Staat
in welchem
Juden und Palästinenser
friedlich
miteinander leben

Der Hass und die Wunden
sind so tief
dass es heute
bereits ein Höchstmass
an Hoffnung ist
auf ein einigermassen
friedliches Nebeneinander
von Juden und Palästinensern
hinzuarbeiten

Konkret heisst das:
Schaffung eines
palästinensischen Staates
in der Westbank
und im Gazastreifen
unter Anerkennung
des Existenzrechtes
des Staates Israel
in den Grenzen vor
dem Junikrieg 1967

Jochi Weil (Frühjahr 1982)